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Didaktische Reduktion
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Viel Stoff, wenig Platz: Der Trick mit der didaktischen Reduktion

Wenn Berater Fachartikel schreiben, kämpfen Sie oft mit einem schwierigen Problem: viel Stoff, wenig Platz. Ein Konzept aus der Didaktik kann hier weiterhelfen: die didaktische Reduktion.

Fragt man Berater nach Artikelvorschlägen, greifen sie auf das Gebiet ihrer Expertise zurück – und nennen dann gerne Themen wie „Digitale Transformation“, „Agiles Projektmanagement“, „Kommunikation im Changeprozess“, „Erfolgreich führen“ oder „Entscheidungen treffen“. Was zunächst einfach und machbar klingt, erweist sich bald als komplexes Unterfangen: Das Thema geht in die Breite, der Autor gerät ins Schwimmen.

Damit sind wir bei einem Grundproblem von Fachartikeln: viel Stoff, wenig Platz. Der Wiener Professor Dr. Martin Lehner, Vizerektor für Lehre an der Fachhochschule Technikum Wien, hat sich mit dem Problem der Stofffülle intensiv auseinandergesetzt. In seinem Buch „Viel Stoff – wenig Zeit“ warnt er vor der „Vollständigkeitsfalle“ und rät zu einer konsequenten und mutigen „didaktischen Reduktion“. Gemeint ist damit eine Beschränkung des Lernstoffes auf die wesentlichen Elemente, um auf diese Weise Sachverhalte überschaubar und begreifbar darzustellen.

Die Prinzipien der didaktischen Reduktion können auch Beratern helfen, ein komplexes Themenfeld aufzubereiten und für das Schreiben von Artikeln zu nutzen. Besonders wertvoll finde ich das Konzept der „Grundlandschaft und Tiefenbohrungen“, das ich im Folgenden kurz vorstelle.

Meiden Sie die Vollständigkeitsfalle

Ich glaube, wir alle kennen das Phänomen: Als Experten neigen wir dazu, einen Stoff vollständig zu präsentieren – und merken erst ziemlich spät, dass wir das in der gegebenen Zeit oder auf dem vorhandenen Platz nicht schaffen. Selbst bei einem 270-seitigen Fachbuch fällt es machen Autoren schwer, sich zu begrenzen und das Seitenlimit einzuhalten.

„Je mehr Expertise vorhanden ist, desto schwerer ist es, gefühlsmäßig zuzulassen, dass Inhalte verdichtet und ‚auf den Punkt‘ gebracht werden“, beobachtet Prof. Dr. Martin Lehner. Wer viel weiß, gerät daher leicht in die “Vollständigkeitsfalle”. Er möchte möglichst viel von seinem Wissen an andere weitergeben, oft verbunden mit dem Glaubenssatz: „Die anderen erwarten von mir, dass ich mein großes Wissen zeige und weiterreiche, schließlich bin ich ja der Experte.“

Diese Haltung übersieht jedoch: Es ist meistens viel herausfordernder, ein Thema in wenigen Worten auf den Punkt zu bringen, als sich lang und breit darüber auszulassen. Wer Stoff reduziert, muss Entscheidungen treffen – und belegt eben damit seine Expertise. Anstatt alles aus seinem Stoffgebiet für wichtig zu halten, kann ein wirklicher Experte beurteilen, was mit Blick auf eine bestimmte Zielgruppe wichtig ist.

Meiden Sie die Vollständigkeitsfalle. Überlegen Sie stattdessen, welche Aspekte Sie herausgreifen und exemplarisch vertiefen können. Hierbei hilft das Konzept der Grundlandschaft und Tiefenbohrungen.

Tiefenbohrungen: Gründlichkeit vor Vollständigkeit

Wirkliche Experten, so lässt sich folgern, verstehen es, das Prinzip von Fachlandkarte und Tiefenbohrung umzusetzen. Die Vorgehensweise besteht aus zwei Schritten:

  1. Erstellen Sie eine Fachlandkarte. Mithilfe Ihres Expertenwissens skizzieren Sie die Grundlandschaft des betreffenden Wissensgebiets. Sie strukturien den Stoff und erhalten auf diese Weise eine Fachlandkarte, die einen Überblick über das gesamte Thema bietet. In der Praxis kann diese Fachlandkarte zum Beispiel die Form einer Mindmap haben.
  2. Nehmen Sie Tiefenbohrungen vor. Nun wählen Sie in der Grundlandschaft einige Stellen aus, an denen Sie in die Tiefe bohren. Sprich: Als Autor steigen Sie hier tiefer ein, erklären Zusammenhänge und Details, so dass der Leser wirklich etwas über das Thema erfährt.

Es gilt also das Prinzip “Gründlichkeit vor Vollständigkeit”. Übertragen auf das Artikelschreiben bedeutet das: Anstatt in einem Artikel ein Thema vollständig darzustellen und damit zwangsläufig an der Oberfläche zu bleiben, entscheiden Sie sich für eine Tiefenbohrung, bei der Sie einem wichtigen Aspekt auf den Grund gehen.

Martin Lehner nimmt Bezug auf den Pädagogen Martin Wagenschein , wenn er das Prinzip mit folgenden Worten erklärt:

„Die Grundlandschaft steht für den Überblick und das Ganze, die Tiefenbohrungen für sorgfältige Vertiefungen und die intensive Auseinandersetzung mit dem Einzelnen und Wesentlichen. So, wie der Grundlandschaft das Verbindende und Allgemeine anhaftet, stehen Tiefbohrungen als Muster, Vorbild oder Modell für etwas Fachtypisches.“

Prinzip von "Grundlandschaft und Tiefenbohrungen" – Quelle: Prof. Dr. Martin Lehner

Gründlichkeit geht vor Vollständigkeit: Das didaktisches Prinzip von “Grundlandschaft und Tiefenbohrungen” – Quelle: Prof. Dr. Martin Lehner / Martin Wagenschein

In die Tiefe bohren: Didaktische Reduktion in der Anwendung

Wie funktioniert das Prinzip in der Praxis des Artikelschreibens?

Nehmen wir als Beispiel das Thema „Robotic Process Automation“, ein aktueller Trend, der für viele Berater ein interessantes Beratungsfeld zu werden verspricht. Robotic Process Automation bedeutet, menschliche Arbeitsleistung am Computer wird durch Software-Roboter ersetzt.

Wenn Sie dieses Thema nun (etwa mit Hilfe einer Mindmap) strukturieren und die Grundlandschaft erstellen, werden Sie schnell feststellen, wie komplex das Stoffgebiet ist. Auf einen Blick dürfte deutlich werden: Alle Aspekte auch nur einigermaßen erschöpfend abzuhandeln, würde den Rahmen eines Fachartikels bei weitem sprengen. Dazu bräuchte es den Umfang eines Fachbuchs.

Die Grundlandschaft beschreiben

Natürlich können Sie in einem Artikel die Grundlandschaft selbst beschreiben; auf diese Weise geben Sie dem Leser einen Überblick. Das kann sinnvoll sein, wenn das Thema für Ihre Zielgruppe neu ist und der Überblick selbst der Zweck des Artikels ist.

Der Text bleibt jedoch zwangsläufig an der Oberfläche – und in der Regel wird ein solcher Überblicksartikel den meisten Lesern nicht viel Neues bieten. Auch können Sie in einem oberflächlich gehaltenen Text Ihre Expertise nicht wirklich ausspielen.

Doch was tun, wenn Sie einen tiefer gehenden Fachartikel etwa zum Thema „Robotic Process Automation“ schreiben wollen? Die Lösung lautet: Nehmen Sie eine Tiefenbohrung vor.

Mögliche Tiefenbohrungen

Wenn ein Blick auf die Grundlandschaft zeigt, bietet das Thema viele Möglichkeiten, inhaltlich in die Tiefe zu gehen. Um eine Wahl zu treffen, nehmen Sie die Perspektive des Lesers ein und fragen: „Welche Aspekte des Themas sind für meine Zielgruppe besonders wichtig oder interessant?“

Das Ergebnis kann dann wie folgt aussehen:

  • Als Berater möchten Sie vermitteln, dass ein akuter Handlungsbedarf besteht. Die Tiefenbohrung zielt in diesem Fall auf den Stand der Entwicklung ab: Erste Unternehmen setzen bereits Software-Roboter ein – es besteht die Gefahr, den Anschluss zu verpassen.
  • Sie möchten Ihrer Zielgruppe den zentralen Nutzen der neuen Technologie aufzeigen. Das kann zum Beispiel das Einsparpotenzial sein: Software-Roboter machen Geschäftsprozesse effizienter – und versprechen dadurch einen Vorsprung im Wettbewerb.
  • Sie möchten einen spannenden Teilaspekt herausgreifen, um die Dimension des Themas zu illustrieren, etwa den Aspekt „Insourcing statt Outsourcing“: Software-Roboter sind noch billiger als Mitarbeiter in Niedriglohnländern. Daher lohnt es sich, einfache Tätigkeiten jetzt wieder zurückzuholen. Was bedeutet das für die Organisation? Welche Entscheidungen müssen getroffen werden?
  • Sie möchten die Folgen für die betroffenen Mitarbeiter thematisieren: Robotic Process Automation ersetzt menschliche Arbeitsleistung durch Software-Roboter. Wen trifft es? Welche Perspektiven gibt es für die betroffenen Mitarbeiter? Vor welchen Herausforderungen steht die Personalentwicklung?
  • Sie möchten die Folgen für die Unternehmens-IT beschreiben: Die bestehenden IT-Systeme werden künftig in großen Teilen von Software-Robotern bedient, nicht mehr von Menschen. Was ändert sich dadurch für die IT?

Deutlich wird: Das Thema „Robotic Process Automation“ ist ein weites Feld, das an den unterschiedlichsten Stellen Tiefenbohrungen ermöglicht. Jede Bohrung trägt für ein Artikelthema.

Genau darin liegt das Schöne am Konzept „Grundlandschaft und Tiefenbohrungen“: Es ermöglicht, systematisch Artikelthemen zu generieren.

Anregung

Modellieren Sie die Grundlandschaft Ihres aktuellen Themas, indem Sie das Wissensgebiets z.B. mit Hilfe einer Mindmap strukturieren. Überlegen Sie dann, an welchen Stellen Sie eine Tiefenbohrung vornehmen möchten.

Nehmen Sie hierzu die Perspektive der Zielgruppe ein:

  • Welche Aspekte sind für die Zielgruppe besonders wichtig? Wo liegt für viele Betroffene der Engpass, wo besteht ein Leidensdruck?
  • Welche Botschaft oder Kernaussage möchten Sie Ihrer Zielgruppe vermitteln? Welcher Aspekt steht exemplarisch für diese Botschaft?

Hinweis:

Lesen Sie zur Ergänzung und Vertiefung des Themas auch das Interview mit Prof. Dr. Martin Lehner “Wie die didaktische Reduktion bei Fachartikeln hilft”.

2 Kommentare

  1. Sabine Indinger sagt

    Vielen Dank für diesen tollen, werthaltigen und vor allem leicht und gut lesbaren Artikel! Er berührt ein spannendes und relevantes Thema, das zfür alle, die schreiben müssen oder wollen, relevant ist. Auch das “dazugehörige” Interview finde ich sehr erhellend!
    Mit dem Bild der Grundlandschaft und den Tiefenbohrungen wird das Konzept sehr anschaulich und auch unmittelbar im eigenen Bereich umsetzbar.
    Mir fällt an dieser Stelle auch das Goethe-Zitat ein: “Sie erhalten heute einen langen Brief, für einen kurzen fehlt mir die Zeit.” (oder so ähnlich ;-)). Das begleitet mich ständig, wenn ich blogposts, Fachartikel – auch auch private Mails schreibe … jetzt habe ich auch noch ein Bild im Kopf, wie ich Kürze und konkreten Fokus in Zukunft besser hinbekomme! DANKE schön!

    • Christian Deutsch sagt

      Ja – ich finde das Bild mit der Grundlandschaft und den Tiefenbohrungen auch sehr anschaulich und hilfreich. Ganz lieben Dank für den Kommentar!

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