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Schreibstrategien für Fachartikel: Einfach drauflosschreiben – oder sorgfältig planen?

Schreibstrategien gibt es viele, doch sie lassen sich in zwei Grundrichtungen zusammenfassen. Für das Schreiben von Fachartikeln lassen sich daraus interessante Erkenntnisse gewinnen.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie einen Fachartikel schreiben?

Bei mir ist es so: Bevor ich anfange zu schreiben, mache ich einen Plan. Im ersten Schritt notiere ich, was ich sagen möchte und warum diese Botschaft für den Leser wichtig ist. Dann erstelle ich eine grobe Gliederung, angereichert mit einigen inhaltlichen Stichworten. So entsteht ein markierter Pfad, dem ich beim Schreiben weitgehend folge. Mit dieser Vorgehensweise mache ich gute Erfahrungen, darauf beruht auch mein Leitfaden Fachartikel schreiben.

Nun gibt es Menschen, die eine völlig andere Schreibstrategie gewohnt sind. „Ich bin eine Drauflosschreiberin“, erzählt etwa Sabine Indinger, Unternehmensberaterin aus Kundl in Österreich. „Mir kommen die Gedanken beim Schreiben.“

Wie passt das zusammen? Sicher, beide Wege haben ihre Berechtigung, es gibt hier kein Richtig oder Falsch. Wenn es aber darum geht, einen Fachartikel zu schreiben, stellt sich doch die Frage: Welche Schreibstrategie ist speziell hierfür am ehesten geeignet? Ist es womöglich sinnvoll, sich eine andere Vorgehensweise anzugewöhnen, selbst wenn es schwerfällt?

Schreibstrategien: Von Malern, Maurern und Architekten

Wahrscheinlich gibt es so viele Schreibstrategien wie Autorinnen und Autoren. Alle finden ihre Wege, und die könnten kaum unterschiedlicher sein. Der Psychologe und Schreibforscher Otto Kruse hat untersucht, welche Strategien eingesetzt werden, und kam unter anderem zu folgender Unterscheidung:

  • Es gibt den „Aquarellmaler“, der nicht nur genau plant, sondern seinen Text im Kopf fast schon perfekt vorausdenkt. Aquarellmaler können, anders als Ölmaler, nichts mehr übermalen; bei ihnen muss daher alles, was aufs Papier kommt, bereits seine endgültige Fassung haben.
  • Der „Architekt“ ist ebenfalls Planer: Er erstellt eine detaillierte Gliederung mit Überschriften, füllt die Gliederung mit Text an und überarbeitet diesen dann.
  • Der „Maurer“ baut seinen Text Block für Block auf. Er poliert jeden Satz, bevor er weitergeht. Das Überarbeiten am Schluss fällt ihm schwer.
  • Der „Ölmaler“ ist der Entdecker unter den Schreibenden. Er startet mit einem ersten Entwurf, notiert sich dabei Ideen, die er später einbaut. Er lässt sich gerne durch sein Thema treiben und ist „exzessiver Überarbeiter“.

„Jede dieser Strategien hat ihre Gültigkeit“, resümiert Otto Kruse. „Jede entspricht einem bestimmten Stil des Denkens und geistigen Arbeitens.“

Quelle: Otto Kruse, Keine Angst vor dem leeren Blatt. Ohne Schreibblockaden durchs Studium. Campus 2007, S. 43f

Zwei grundlegende Schreibstrategien

Noch stärker als Otto Kruse reduziert der Linguist Hanspeter Ortner, Professor am Institut für Germanistik der Universität Innsbruck, die Vielfalt der Möglichkeiten. In seiner Typologie von Schreibstrategien unterscheidet er zwei grundlegenden Richtungen: das „nicht-zerlegende Schreiben“ und das „zerlegende Schreiben“.

Beim nicht-zerlegenden Schreiben fangen Sie einfach an und verfassen den ganzen Text ohne längeres Nachdenken in einem Zug. Dagegen handelt es sich beim zerlegenden Schreiben um ein geplantes Schreiben: Sie definieren einen Schreibprozess und gliedern diesen in Einzelschritte.

Zwei grundlegende Schreibstrategien

Zerlegendes Schreiben

Der planende Autor zerlegt den Schreibprozess zumindest in zwei Phasen – die Phase des Planens und die des Formulierens.

Konkret heißt das: Bevor Sie mit dem Schreiben loslegen, erstellen Sie eine erste Struktur oder ein Exposé des Artikels. In die Kategorie des zerlegenden Schreibens fallen viele weitere Varianten. So können Sie den Prozess in die Schritte Materialsammlung, Rohfassung, Entwurf, Endfassung unterteilen. Oder Sie zerlegen den Text in mehrere Teile wie Einleitung, Hauptteil, Schluss, die Sie einzeln bearbeiten und am Ende zum Gesamtprodukt zusammensetzen.

Nicht-zerlegendes Schreiben

Dagegen kommt die Strategie des nicht-zerlegenden Schreibens „all denen entgegen, die mit der traditionellen Gliederung Probleme haben“, konstatiert Ortner in seinem Buch Schreiben und Denken (Tübingen 2000, S. 377). Und das sind viele, wie der Hochschulprofessor anhand einer Studie von 1986 belegt: Demnach neigen circa 55 Prozent der Schüler noch in der Klassenstufe 12 und 13 dazu, beim Aufsatzschreiben ohne Konzept gleich darauf loszuschreiben.

Bezeichnend für diese Gruppe ist die Aussage einer ehemaligen Schülerin. Eine Gliederung, so erinnert sie sich, hat sie immer erst erstellt, wenn sie mit dem Text fertig war: „Zu Beginn des Aufsatzes habe ich einfach nicht gewusst, was ich schreiben werde.“

So öffnet sich das Tor zum eigenen Wissen

Als „Drauflosschreiberin“ gibt sich die Unternehmensberaterin Sabine Indinger dem Schreibfluss hin und lässt sich überraschen, wohin die Gedanken sie führen. „So komme ich ins Denken hinein und entdecke neue Ideen.“

Hanspeter Ortner bezeichnet dieses freie Schreiben als „Expedition ohne Kompass durch die Räume des Wissens“ – stellt dann aber auch fest:

„Immer wieder wird von erstaunlichen Entdeckungen berichtet, die sich auf die schreibende Erschließung von Wissen zurückführen lassen.“ Für den Wissenschaftler ist diese Form des Schreibens daher „eine List, um Zugang zu möglichst großen Wissensräumen zu bekommen“. (Ortner, Schreiben und Denken, S. 367)

Das Schreiben in einem Zug öffnet also das Tor zum eigenen Wissen. Gleichzeitig kann dieser Schreibfluss, dieses Sich-Forttragen-Lassen eine sehr positive Erfahrung sein. Schreiben als Flow-Erlebnis!

Einfach drauflosschreiben – warum eigentlich nicht?

Den Zugang zum eigenen Wissen finden, sich von den Gedanken tragen lassen, in den Schreibflow kommen – für das Schreiben in einem Zug gibt es bestechende Argumente. Mit Blick auf das Verfassen von Fachtexten birgt es aber vor allem drei Gefahren.

Gefahr 1: Wissen findend, aber nicht Wissen schaffend

Ein guter Fachartikel wagt sich auf neues Terrain. Er überrascht mit einer relevanten, wohldurchdachten Botschaft und geht argumentativ in die Tiefe. Er bietet seinen Lesern neues Wissen. Mit der Strategie des Drauflosschreibens, ohne vorherige intensive Auseinandersetzung mit dem Thema, gelingt das nur schwer. Wer einfach nur assoziativ einen Gedanken an den nächsten fügt, ruft damit vorhandenes Wissen wach, schafft aber kaum neues Wissen.

„Es entfällt die Möglichkeit, dass es überhaupt zum strukturierenden Denken kommt“, sagt Ortner. Das Schreiben in einem Zuge sei „Wissen findend, aber nicht Wissen schaffend“.  Neues Wissen entsteht erst, so argumentiert er, wenn man Inhalte strukturiert und umstrukturiert – wenn man Elemente in einer neuen Gestalt anordnet und Gedanken in andere Zusammenhänge einfügt.

Gefahr 2: Richtungs- und uferlos

Ein Fachartikel hat nur begrenzt Platz, aber dennoch den Anspruch, inhaltlich in die Tiefe zu gehen. Thematisch muss er sich deshalb auf einen Aspekt beschränken – und der Autor darf nicht abschweifen.

Genau da liegt die zweite große Gefahr: Wenn Sie ohne Konzept und Gliederung schreiben, geraten Sie leicht auf Abwege. Sie schildern spannende Details, die aber nicht wirklich zum Thema gehören. Der Artikel ufert aus – und muss im Nachhinein wieder gestrafft und auf das Wesentliche hin zugespitzt werden. Vieles, was Sie geschrieben haben, vielleicht sogar Ihre besten Passagen, müssen Sie streichen. Das kostet Zeit und Nerven.

Sabine Indinger, die Drauflosschreiberin, räumt ein: „Mein Problem ist ganz stark, dass ich Seite um Seite füllen kann, dabei vom Hundertsten ins Tausendste komme – und es schwierig ist, daraus dann eine Struktur zu machen, um das Geschriebene für andere irgendwie lesbar zu machen.“

Gefahr 3: Selbstbezogen statt leserorientiert

Ein Fachartikel richtet sich an die Leserinnen und Leser. Wenn Sie schreiben, kommt es darauf an, deren Nutzen im Blick zu behalten. Beim Drauflosschreiben ohne Konzept und Struktur fällt das schwer. Wer assoziativ von einem Gedanken zum nächsten surft, neigt dazu, das Thema aus seiner persönlichen Perspektive darzustellen. Er hält fest, was ihn fasziniert und was ihm wichtig ist.

Die Gefahr: Das Schreiben ohne Plan verleitet dazu, von sich selbst und seinen eigenen Interessen auszugehen – anstatt vom Informationsbedürfnis des Lesers. Am Ende haben Sie den Text für sich geschrieben, nicht für Ihre Zielgruppe.

„Wenn ich schreibe und die Gedanken fließen, bin ich von mir selbst begeistert“, räumt etwa Sabine Indinger ein. „Am Ende bin ich mit meinem Text happy, aber mir ist klar, dass mit dieser Fassung andere nur wenig anfangen können.“ Doch das Thema jetzt noch einmal aufzugreifen und für ein Publikum neu zu schreiben, kostet große Überwindung: „Eigentlich bin ich mit dem Text fertig, ich habe das Thema ja für mich durchdrungen.“

Schreibstrategien für Fachartikel

Was ist die Konsequenz? Der Empfehlung von Experten ist eindeutig: Wählen Sie die Strategie des geplanten Schreibens.

„Eine durchdachte, klare Vorbereitung erleichtert alle folgenden Schritte“, konstatiert etwa die Fachjournalistin Ulrike Luckmann in ihrem Buch Marketing für Unternehmer. „Sie schreiben einfacher, minimieren das Risiko von Schreibblockaden und verhindern, dass Sie sich in Ihrem eigenen Wissen und in der Fülle aufkommender, neuer Ideen verlieren. Das unterschätzen viele Autoren. Sie denken, sie haben alles im Kopf und fangen einfach an zu schreiben. Das funktioniert selten und geschätzt in 80 Prozent geht ‚Losschreiben‘ in die Hose.“

Die Passage bezieht sich aufs Buchschreiben, gilt aber nach meiner Erfahrung ebenso für Fachartikel.

Wenn Sie gerne planen, werden Sie dieser Empfehlung problemlos folgen. Doch was tun, wenn Sie gerne drauflosschreiben – wenn Sie es gewohnt sind, Ihre Gedanken schreibend zu entwickeln?

Sabine Indinger lässt sich das Schreiben in einem Zug nicht nehmen. „Ich erlaube mir, erst einmal eine Weile draufloszuschreiben, um so ins Denken hineinzukommen. Und dann aber immer wieder einmal den Satzanfang zu schreiben: ‚Was ich eigentlich sagen will…‘ Der führt mich zurück auf den Punkt, worum es jetzt wirklich geht. Dann schreibe ich wieder drauflos – und sobald ich merke, jetzt schweife ich wieder ab, komme ich zurück zu diesem Satzanfang: ‚Was ich eigentlich sagen will.‘ So schaffe ich es, mir eine Struktur zu erarbeiten. Zumindest habe ich dann ein paar Punkte, von denen ich sage, okay, die sollten auf jeden Fall rein.“

Fazit

Ohne Planung geht es nicht. Ein Fachartikel braucht eine klare Botschaft und eine schlüssige Gliederung. Das Schreiben in einem Zug, ohne vorheriges Konzept, mag zwar irgendwann zum Ziel führen, ist aber mühsam: Im Nachhinein muss eine Struktur in den Text eingezogen werden. Textpassagen müssen gestrichen, andere umgeschrieben werden, gleichzeitig tauchen Lücken auf. Das ist mühsam und kostet viel Zeit.

Möglich ist es aber, beide Schreibstrategien zu kombinieren. Wenn Sie zu den Autorinnen und Autoren zählen, die gerne einfach einmal drauflosschreiben, könnte der Königsweg so aussehen:

Im Vorfeld geben Sie sich eine Weile dem freien Schreiben hin und lassen sich überraschen, wohin die Gedanken Sie tragen. Dann legen Sie eine Planungsphase ein, in der Sie sich klarmachen: Was ist die Botschaft meines Artikels? Was ist für den Leser wichtig? In welchen Schritten möchte ich das Thema ausführen? Anschließend können Sie wieder umschalten: Innerhalb der vorgegebenen Leitplanken dürfen Sie sich schreibend austoben.

Ganz gleich welche Schreibstrategie Sie bevorzugen: Legen Sie frühzeitig eine Botschaft oder Kernaussage fest, an der Sie sich beim Schreiben orientieren können. Wie das geht, zeigt Ihnen mein kostenloses E-Paper:

2 Kommentare

  1. Eine gute Möglichkeit sich selbst zu reflektieren.

    Ich bin eher der erstmal Drauf-los-Schreiber. Das sind dann meistens 80%. Anschliessend geht mein Geschäftspartner drüber und bringt seine Sichtweise rein, vereinfacht, streicht, klärt.

    Daraus entsteht dann ein gänzlich weiterentwickelter Beitrag.
    Der Prozess ist allerdings recht aufwendig und daher auch nicht immer frei von Frust-Potential.

    Ich schreibe z.B. am liebsten in der Diskussion mit anderen. Daraus entstehen Punkte für einen Fachartikel. Allerdings bin ich auch in der verbalen Kommunikation ein Lautdenker. Das scheint mir auch beim Schreiben so zu sein, daher ist das Schreiben im stillen Kämmerlein definitiv nicht meine präferierte Art zu Schreiben.

    • Christian Deutsch sagt

      Eine bemerkenswerte Vorgehensweise – aufwendiger, aber mit Blick auf das Ergebnis, die Qualität des Artikels, sicherlich lohnend. Danke für den Beitrag!

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