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Pyramidenprinzip
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Das Pyramiden-Prinzip

Oft vergessen oder ignoriert? Vor über 50 Jahren hat die amerikanische Unternehmensberaterin Barbara Minto das Pyramiden-Prinzip entwickelt. Es trägt maßgeblich zum Erfolg von Präsentationen und Fachartikeln bei.

“Es geht um nichts weniger als das Geheimrezept, mit dem die Top-Strategieberatungen ihre Argumentationen und ihre Präsentationen aufbauen.“ Große Worte für ein Prinzip, das seit über einem halben Jahrhundert bekannt ist. Und doch hat der Wiener Unternehmensberater Georg Jocham recht, wenn er das Pyramiden-Prinzip jüngst in seinem Podcasts „Abenteuer Problemlösen“ auf diese Weise charakterisiert. Das Prinzip ist in der Tat sehr wirkungsvoll. Und dennoch wenig bekannt.

In seinem hörenswerten Podcast geht es Georg Jocham um den Erfolg bei Präsentationen, insbesondere vor Geschäftsführungen und Vorständen. Als ich die Folge hörte, fiel mir jedoch auf: Das Pyramiden-Prinzip lässt sich auf Fachartikel übertragen. Mehr noch: Nach meiner Überzeugung bildet es die Grundlage, um überhaupt verständliche und wirkungsvolle Fachartikel zu schreiben.

Was hat es mit diesem Pyramiden-Prinzip auf sich? Worin liegt der Grundgedanke? Wie wirkt es? Und wie lässt es sich für das Schreiben von Fachartikeln nutzen?

Von einer McKinsey-Beraterin entwickelt

Neu ist das Pyramiden-Prinzip wahrhaftig nicht. Als Erfinderin gilt die Unternehmensberaterin Barbara Minto. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schrieb über sie (25.09.2005):

„1963 stellte die Unternehmensberatung McKinsey erstmals eine Frau als Berater ein. Barbara Minto wurde nicht wegen ihrer Fähigkeiten im Umgang mit Zahlen ausgewählt, denn da war sie nach eigener Einschätzung ein ‘hoffnungsloser Fall’. Stattdessen schätzten ihre Chefs ihre schreiberischen Fähigkeiten. Und die brachten sie zu einiger Berühmtheit: Minto entwickelte die ‚Minto-Pyramide‘, die bei McKinsey heute als Teil der Firmenstruktur anerkannt sei.

Worum geht es? Minto stellte früh fest, dass es zu den unangenehmen Aspekten im Berufsleben gehört, Dinge schriftlich festhalten zu müssen. Warum? Viele haben schon mit dem logischen Denken ein dickes Problem; und erst recht damit, das gedankliche Tohuwabohu auf Papier zu bannen. All denen empfiehlt Minto ihr Pyramidenkonzept.“

Das Pyramiden-Prinzip stammt demnach bereits aus den 1960er Jahren. Barbara Minto hat ihre Gedanken erstmals 1981 in einem umfangreichen Werk festgehalten, 2005 erschien eine deutsche Übersetzung (Das Prinzip der Pyramide).

Unternehmensberater, die es kennen und anwenden, sehen im Pyramiden-Prinzip eine Gliederungsform, die maßgeblich über den Erfolg einer Präsentation entscheidet. Vor allem dann, wenn das Gegenüber wenig Zeit hat und den Kern des Themas schnell erfassen muss. „Die Struktur stellt sicher, dass die Botschaft auch ankommt“, urteilt René Borbonus in seinem Buch „Klarheit“. Diese Feststellung lässt sich auf andere Formen der Kommunikation übertragen – nicht zuletzt auf Fachartikel.

Der Grundgedanke: Die Botschaft steht am Anfang

Pyramidenprinzip bedeutet: Die Botschaft oder Kernaussage steht am Anfang. Sie bildet quasi die Spitze der Pyramide, von der aus die weiteren Überlegungen hergeleitet werden. In den Ebenen unterhalb der Spitze folgen die Details, die sich alle auf die Kernaussage beziehen – diese also zum Beispiel begründen oder inhaltlich vertiefen.

Gewohnt sind wir eher die umgekehrte Vorgehensweise: Am Anfang steht die Beschreibung der Ausgangslage, es folgen die Argumente, die für oder gegen bestimmte Schlussfolgerungen sprechen – und am Ende steht das Ergebnis. Vergleichbar einem Trichter verdichten sich Fakten und Argumente hin zur Schlussfolgerung, mit der die Präsentation oder der Beitrag abschließt. Bei wissenschaftlichen Arbeiten ist dieses Vorgehen üblich und wird auch gerne von Fachautoren so übernommen.

Somit stehen sich zwei Prinzipien gegenüber – die pyramidale Struktur und die trichterförmige Struktur. Beide haben ihre Berechtigung. Wenn es jedoch darauf ankommt, die Aufmerksamkeit eines Zuhörers oder Lesers zu gewinnen, erweist sich das Pyramiden-Prinzip als klar überlegen.

Wie die Pyramiden-Struktur wirkt

Der Vorteil der Pyramiden-Struktur wird deutlich, wenn man sich den großen Nachteil der trichterförmigen Struktur klar macht: Der Zuhörer weiß nicht, worauf der Vortragende hinauswill. Deshalb kann er die Ausführungen nicht wirklich einordnen und in ihrer Relevanz beurteilen. Das macht es für ihn mühsam, den Inhalten zu folgen; wahrscheinlich wird er es aufgeben und irgendwann abschalten. Wenn er am Ende die Kernaussage erfährt, steht er vor einer fast unmöglichen Aufgabe: Er muss sich die Details des zuvor Gesagten wieder ins Gedächtnis zurückrufen. Nur so kann er überprüfen, ob er dem Fazit des Redners zustimmen kann. Eine ziemlich unglückliche Geschichte.

Anders bei der Pyramiden-Struktur. Hier weiß der Zuhörer, worauf der Vortragende hinauswill. Seine Neugier ist geweckt: „Wie kommt dieser Mensch da vorne zu dieser Behauptung?“, fragt er sich. „Ist das nicht ziemlich an den Haaren herbeigezogen? Wie genau meint er das?“ Wenn Sie die Botschaft an den Anfang stellen, ist es vergleichsweise einfach, den Zuhörer oder Leser zu gewinnen, an die Hand zu nehmen und durch das Thema zu führen.

Georg Jocham macht auf einen weiteren Vorteil aufmerksam: Die Struktur ist für den Zuhörer klar vorgegeben. „Wenn es mein Interesse ist, dass Informationen auf ähnliche Art und Weise beim Empfänger ankommen, wie ich sie dort haben will, dann bietet es sich an, die Informationen vorzustrukturieren. Und das macht man am besten und einfachsten pyramidal.“

Das Pyramiden-Prinzip für Fachartikel

Der Grundgedanke des Pyramiden-Prinzips gilt auch, wenn Sie einen Fachartikel schreiben möchten. Wie bei einer Präsentation gibt es auch hier ein Gegenüber, dessen Zeit kostbar ist und das den Kern des Themas schnell erfassen möchte. Deshalb ist es sinnvoll, die Botschaft auch hier an den Anfang zu stellen. So muss sich der Leser nicht erst durch detailreiche Ausführungen kämpfen, bis er endlich zur Schlussfolgerung gelangt.

Wenn Sie das Pyramiden-Prinzip anwenden, kennt der Leser von Anfang an die Kernbotschaft. Hieran kann er sich orientieren. Damit ist er in der Lage, die nun folgenden Argumente und Details richtig einzuordnen. Aber auch Ihnen als Autor hilft das Prinzip: Sie können Ihre Ausführungen konsequent an der Kernbotschaft ausrichten. Die Gefahr, beim Schreiben auf Nebenschauplätze zu geraten, ist durch deutlich geringer.

Es lag nahe, die Probe aufs Exempel zu machen und diesen Blogbeitrag bewusst nach dem Pyramiden-Prinzip zu strukturieren. Hier meine Überlegungen:

Das Pyramiden-Prinzip für Fachartikel

  • Spitze der Pyramide – die Kernaussage. Ausgehend von meiner Zielgruppe – Berater, die nach Wegen suchen, ihr Wissen zu strukturieren und wirksam weiterzugeben – habe ich überlegt, worin der Nutzen des Themas liegen dürfte. Die Antwort lag nahe: Das Pyramiden-Prinzip ist ein wirkungsvolles, von Beratern bereits eingesetztes Werkzeug, das sich auf das Schreiben von Fachartikeln übertragen lässt. Diesen Gedanken wählte ich als Botschaft.
  • Zweite Ebene – Leitfragen. Der Leser, so überlegte ich, sollte die Botschaft nachvollziehen und als Anregung für seine eigenen Artikel nutzen können. Auf diese Weise gelangte ich zu vier Leitfragen: Was hat es mit dem Pyramiden-Prinzip auf sich (Bedeutung)? Wie funktioniert es (Grundgedanke)? Welche Effekte hat es (Wirkungsweise)? Wie lässt es sich auf Fachartikel anwenden (Übertragung)?
  • Dritte Ebene – Details. Nun folgten die Details. Ich versuchte, die vier Leitfragen möglichst knapp und doch verständlich zu beantworten.

Natürlich hätte ich das Thema weiter untergliedern und bei den vier Leitfragen tiefer ins Detail gehen können. Die Pyramide lässt sich nach unten beliebig ausbauen.

So gesehen ist das Pyramiden-Prinzip sehr flexibel. Haben Sie nur für wenige Zeilen Platz, beschränken Sie sich auf sehr wenige Hauptaspekte (zweite Ebene), die Sie nur sehr knapp erläutern.  Möchten Sie hingegen einen langen Artikel oder gar ein Buch zum Thema schreiben, gehen Sie weiter in die Tiefe. Der Faden lässt sich, wie es René Borbonus formuliert, endlos weiterspinnen, egal ob man 30 Sekunden mit einem Kollegen spricht oder 60 Minuten auf der Bühne steht: „Sie können die Pyramide weiter verästeln – oder sich auf eine Ebene unterhalb der Kernbotschaft beschränken, wenn es schnell gehen muss.“

Praxistipp

  • Ein Fachartikel braucht eine klare Botschaft oder Kernaussage – und diese steht am Anfang, nicht am Ende. Konkret: Nach einer kurzen Einleitung, die den Leser abholt, folgt die Botschaft; an ihr orientieren sich die folgenden Ausführungen.
  • Es hat sich bewährt, dem Leser im Anschluss an die Botschaft die Struktur mitzuteilen. Nennen Sie zum Beispiel die Leitfragen oder Kernargumente, auf die Sie im Folgenden eingehen wollen. Auf diese Weise nehmen Sie den Leser an die Hand und können ihn durch das Thema führen.

Hinweis: Ein ebenfalls nützliches Konzept, um Wissen zu strukturieren, ist die Wissenslandkarte. Sie dient dazu, einen Überblick über das eigene Wissen zu bekommen – zum Beispiel um einen Redaktionsplan oder eine erste Gliederung für ein Buchprojekt zu erstellen. Wie Sie in vier Schritten eine solche persönliche Wissenslandkarte erstellen, erfahren Sie hier (kostenloses E-Paper):

2 Kommentare

  1. Stimmt ja … die Minto-Pyramide! Toll, Herr Deutsch, dass Sie die für mich wieder aus der Versenkung geholt haben. Und das grade zur rechten Zeit: Ich sitze nämlich grübelnd über einer heiklen Marketingtext-Aufgabe und das Pyramidenprinzip (das ich zwar mal kennengelernt, aber auch wieder vergessen hatte) ist soeben zum großen, dicken Pflasterstein auf meinem Formulierungsweg geworden. Vielen Dank, lieber Herr Deutsch!

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