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Verständlich schreiben: Das Hamburger Verständlichkeitsmodell
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Einfaches Tool für bessere Texte: Das Hamburger Verständlichkeitsmodell

Wer einen Artikel schreibt, hat vor allem ein Ziel: Er möchte mit seinem Anliegen verstanden werden. Doch wie können Sie als Autor feststellen, ob Ihr Text verständlich ist? Ein bewährtes Tool ist hier das Hamburger Verständlichkeitsmodell.

Was macht einen Text verständlich? Vermutlich kennen Sie die Ratschläge, die da lauten: Achten Sie auf einfache Sätze, folgen Sie eine klare Gliederung, streichen Sie alles Überflüssige, meiden Sie Passivsätze und Nominalstil …

Das ist alles richtig. Doch erscheint es etwas praxisfern, während des Schreibens auf alle diese Regeln gleichzeitig zu achten. Viel eher ist es doch so: Man konzentriert sich auf den Inhalt, schreibt einen Textentwurf – und möchte wissen: „Ist das verständlich, was ich geschrieben habe? An welchen Stellen sollte ich den Text verbessern?“

Eine gute Hilfe bietet hier das Hamburger Verständlichkeitsmodell, das anhand von vier Merkmalen die Verständlichkeit eines Textes überprüft.

Das Hamburger Verständlichkeitsmodell bewertet nach vier Kriterien

Der Psychologe Friedemann Schulz von Thun hat mit seiner Trilogie „Miteinander reden“ ein Standardwerk der Kommunikationspsychologie geschaffen.  Schlagworte daraus sind die „vier Seiten einer Nachricht“ (Sachinhalt, Selbstoffenbarung, Beziehung, Appell) oder das „innere Team“. Weniger bekannt, für Fachautoren aber umso nützlicher sind seine Ausführungen zum Thema Verständlichkeit.

Im ersten Band von „Miteinander reden“ (51. Auflage 2014, S. 160ff) beschreibt Schulz von Thun ein Konzept, das als Hamburger Verständlichkeitsmodell bekannt wurde. Er hat es bereits in den 1970er-Jahren gemeinsam mit zwei anderen Hamburger Psychologen, Inghard Langer und Reinhard Tausch, entwickelt. Das Modell bestätigt im Grunde das Sprachgefühl, von dem sich Journalisten oder Redakteure intuitiv leiten lassen.

Folgt man dem Hamburger Verständlichkeitsmodell, kennzeichnen vier Hauptmerkmale einen verständlichen Text:

  • Einfachheit. Der Autor schreibt einfache Sätze und verwendet bekannte Wörter. Gegenpol: Kompliziertheit.
  • Gliederung, Ordnung. Der Text ist übersichtlich gegliedert, sein Aufbau stimmig und nachvollziehbar. Gegenpol: Unübersichtlichkeit, Zusammenhanglosigkeit.
  • Kürze, Prägnanz. Der Autor schweift nicht ab. Er bleibt hart am Thema, findet treffende Worte und kann sich deshalb kurz fassen. Zugleich achtet er darauf, alles Notwendige zu sagen – denn er weiß: Auch ein zu knapper Text ist unverständlich. Gegenpol: Weitschweifigkeit.
  • Zusätzliche Stimulanz. Ein Text wird verständlicher, wenn er Gefühle anspricht und stimuliert. Hierzu können zum Beispiel persönliche Erlebnisse oder packende Beispiele beitragen. Auch gute Fotos oder Grafiken wirken stimulierend, ebenso ein treffendes Zitat oder eine einprägsame Metapher. Gegenpol: nüchterne Sachlichkeit.

Wie Sie die Verständlichkeit eines Textes überprüfen

Für jeden der vier „Verständlichmacher“ definiert das Hamburger Verständlichkeitsmodell eine Messlatte mit fünf Abstufungen (siehe Abbildung).

Das Hamburger Verständlichkeitsmodell: Die vier Dimensionen der Verständlichkeit mit ihren Messskalen. Quelle: Schulz von Thun, Miteinander reden: 1, Seite 172

 

Ein Autor oder Redakteur beurteilt einen Text, indem er die Ausprägung der vier Merkmale einschätzt und auf der Skala einträgt. Das Ergebnis sieht dann zum Beispiel so aus:

Einfachheit: +
Gliederung: –
Kürze: 0
Stimulanz: ++

In Worten ausgedrückt: Der Text ist recht einfach formuliert, auch wenn sich der Sachverhalt noch etwas einfacher darstellen ließe. Dagegen fehlt es an Übersichtlichkeit; die Zusammenhänge werden nicht klar. Der Inhalt ist weder besonders gedrängt noch weitschweifig dargelegt – liegt damit im akzeptablen Bereich. Hingegen ist die Tonalität deutlich zu laut, zu schreierisch. Hier täte etwas mehr Zurückhaltung gut.

Wie das Beispiel zeigt, ergeben sich aus der Analyse der vier Merkmale konkrete Ansatzpunkte, um einen Text zu verbessern.

Probieren Sie es doch bei Ihrem nächsten Text einmal aus:

  • Lesen Sie den Text und bilden Sie sich für die vier „Verständlichmacher“ ein Urteil.
  • Tragen Sie Ihre Einschätzungen in der jeweiligen Skala ein.
  • Überlegen Sie, an welchen Stellschrauben Sie drehen können, um den Text zu verbessern.

 

Zugegeben: Es erfordert einige Erfahrung, einen Text anhand der vier Merkmale treffsicher einzuschätzen. Auch Schulz von Thun räumt ein, es bedürfe hier eines „geschulten Beurteilers“ – und regt ein entsprechendes Training an.

Kostenloses Tool hilft bei der Textanalyse

Für ein solches „Verständlichkeit-Training“ gibt es mittlerweile interessante Werkzeuge, die automatisch auf Schwächen eines Textes hinweisen und Verbesserungen anregen. Ein solches Analysetool bieten etwa die Textspezialisten der Wortliga GmbH an: „Als Maßstab ansprechender Texte verwendet das Tool die Grundlagen des Hamburger Verständlichkeitsmodells“, heißt es auf der Webseite des Münchner Unternehmens.

Die Handhabung des kostenloses Tools ist einfach: Sie kopieren Ihren Text in das vorgesehene Feld und klicken auf den Button „Text analysieren“. Als Ergebnis erhalten Sie neben einem Gesamturteil auch Anregungen, um den Text zu verbessern.

Um das Analysetool auszuprobieren, habe ich den Entwurf dieses Blogartikels eingegeben. Das Gesamturteil war positiv, der Text „gut lesbar“. Einige Anregungen haben den Text merklich verbessert. Zum Beispiel wies das Tool auf überflüssige Füllwörter oder auf Passagen im Nominalstil hin. Andere Hinweise ignorierte ich bewusst – etwa die Warnung, „zu lange Wörter“ oder an zwei Stellen „zu lange Sätze“ zu verwenden. Ein Begriff wie „Verständlichkeitsmodell“ ist ein langes Wort, aber nicht ersetzbar. Und auch ein langer Satz kann gut verständlich sein, wenn er einfach aufgebaut ist.

Die Grenzen des Modells

Natürlich stoßen Modelle an Grenzen. Ein erfahrener Autor weicht hin und wieder bewusst von Standards ab. Er verwendet lange Wörter, weil sie treffend sind. Oder er trennt mehrere Hauptsätze durch Komma, weil sie eine inhaltliche Einheit bilden. Damit verstößt er gegen die Regeln, ohne dass die Verständlichkeit darunter leiden muss.

Gravierender ist ein anderes Manko: Verständlichkeit lässt sich nur im Kontext der Zielgruppe beurteilen. Ob ein Leser einen Text auf Anhieb versteht, hängt auch von seinem Vorwissen ab. Dieser Aspekt fehlt beim Hamburger Verständlichkeitsmodell, sollte aber berücksichtigt werden.

Trotzdem bleibt als Fazit festzuhalten: Das Hamburger Verständlichkeitsmodell und daran angelehnte Analysetools können ein wertvolles Hilfsmittel sein, wenn Sie einen gut lesbaren Fachartikel schreiben möchten.

 

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